Ich will weinen aber es kommen keine Tränen.

Okt 7, 2022 | Psychologisches Wissen | 0 Kommentare

Vielleicht kennst du das? Du merkst: Ich will weinen – aber es kommen keine Tränen. Während andere sich fragen: “Warum weine ich bei jeder Kleinigkeit?”, willst du weinen, kannst aber nicht? Oft geht das im Alltag so unter, dass es gar keinen Platz hat. Vielleicht wunderst du dich schon – aber gewöhnlich vermisst du ja nichts, wenn die Tränen ins Stocken geraten sind. Das Leben funktioniert ja – und das ist auch der Modus, in dem du lebst, wenn die Tränen nicht mehr fließen. Denn das bedeutet oft, dass auch andere Gefühle wie abgeschaltet sind – die Lebendigkeit ist abgeschnürt. Und um sich diese Fragen zu stellen, braucht es zum einen die Zeit – aber auch die emotionale Kapazität dazu. Und darum geht es in diesem Beitrag.

Wie bringe ich im Gespräch Tränen wieder in Fluss?

Ruheexplosion Shivani VogtLasse mich das an einer Geschichte verdeutlichen. Oft ist es so, dass eine Frau bei mir ins Erstgespräch kommt und wenn sie das erzählt, was ihr wichtig ist, was ihr nicht gelingt oder was sie blockiert, fließen schnell die Tränen. Mein Part ist ja, Empathie zu zeigen und ich fühle mich dann ein in sie und ihre Geschichte, in ihre Situation. Natürlich erwische ich nicht immer den Punkt, an dem ich sie emotional berühren kann. Aber meistens schaffe ich es. Es ist ein wenig wie ein Ratespiel: Ist es das oder ist es das – oder vielleicht doch jenes? Manchmal treffe ich ins Schwarze, wenn ich dann sage: “Es ist gar nicht so einfach, vor anderen zu weinen.” Oder auch: “Das ist jetzt unangenehm, weil du es gar nicht erwartet hattest?” Wenn sich dann die Mimik verändert, die Stimme bricht oder gar die Tränen von den Wangen kullern, weiß ich: Meine Empathie hat auf den Punkt getroffen, ich habe meine Kundin berührt, ich war gefühlt bei ihr, ich habe sie in ihren Gefühlen und Bedürfnissen gesehen. Ich habe mit meiner Empathie ins Schwarze getroffen, ich habe Gefühle in Fluss gebracht.

Warum kannst du nicht weinen?

Nicht immer klappt es, dass ich mit meiner Empathie ins Schwarze treffe. Manchmal schaut auch eine Frau überrascht und sagt: “Ich konnte jetzt so lange nicht weinen und bin selber überrascht, dass es jetzt so leicht geht, dass Tränen fließen.” Du siehst, ich als Psychologin weiß nicht alles – sondern auch für mich ist es ein Ausprobieren. Und manchmal bin auch ich überrascht über ein Ergebnis. Wenn eine Frau weinend vor mir sitzt und mir dann sagt: “Ich konnte lange nicht weinen”, das überrascht mich meistens. Aber ich wollte mit dir ja auf die Spur gehen, warum die Tränen quasi einfrieren. Aus meiner Erfahrung können dahinter zwei Ursachen stecken:

  1. Du wurdest überfordert. Du hast etwas erlebt, das einfach zu viel war. Dein Nervensystem ist in eine Starre gegangen. Ich stelle mir das dann so vor, dass es wie einfriert und starr ist. In diesem Fall geht es von deinem Nervensystem aus, dass Gefühle abgeschaltet werden.
  2. Du bist in einer Situation, in der du jemandem nicht vertrauen kannst. Damit deine Gefühle nicht ständig gegen dich verwendet werden, hast du dich entschieden, sie einfach abzuschalten. Du wirst quasi zur Salzsäule, du bewegst dich absichtlich in diese Starre hinein. Du willst keine “Schwäche” zeigen, weil deine Worte sonst wie Waffen dazu verwenden werden, dich immer weiter zu verletzen.

In beiden Fällen ist es ein Schutzmechanismus. Einmal schützt dein Nervensystem dich vor einer überfordernden Situation – das andere Mal schützt du dich vor deinem Umfeld. Beide Male ist es ein Schutz, nicht zusammenzubrechen. Es ist die Garantie, dass du im Alltag weiter funktionieren kannst. Und das ist es dann auch. Du funktionierst nur noch, das Leben hat seinen Saft verloren, die Lebensfreude ist abhandengekommen.

Konkrete Beispiele für Situationen, die überfordernd sind

Die Auslöser für die Überforderungen können vielfältig sein. Es kann sein, du wunderst dich: Meine Mutter ist verstorben und ich kann nicht trauern. Du fragst dich: Warum, ich bin doch traurig? Stelle dir jedoch vor, du könntest jetzt trauern – wärst du dann noch fähig, im Alltag zu funktionieren? Dein Nervensystem geht für dich in den Funktionsmodus, denn es wäre womöglich zuviel, wenn du jetzt berührbar bleibst. Es könnte auch sein, du hast etwas erlebt, das du gar nicht damit in Zusammenhang bringt, dass gerade keine Tränen fließen können. Hattest du einen Unfall? Oder eine nicht so einfache Geburt? Meine Frage ist also: Hast du ein Trauma erlebt? Dann geht das Nervensystem häufig in eine Starre – in der werden Gefühle eingefroren. Vom frustriert sein und nebeneinander her leben kann es nicht passieren, dass du nicht mehr weinen kannst. Es braucht ein wenig mehr, es braucht vielleicht auch mehrere “Baustellen”, die zusammen dann zu einer großen Überforderung führen. Genau das führt ja oft zum Burnout – dass die Pflichten so groß werden, dass Beziehungen vernachlässigt werden und das Nervensystem nur noch die Chance hat, sich durch Erstarren von den Kraftquellen abzuschneiden. Ein Teufelskreis.

Geschichte eines Patienten, der nicht mehr weinen kann

Damit du dir vorstellen kannst, was jemand von sich selbst erzählt, wenn diese Fähigkeit zu Weinen versiegt ist, habe ich dir hier auch die Geschichte eines Klienten mitgebracht.

Ich habe das Problem, ich kann nicht weinen. Es funktioniert nicht – auf jeden Fall nicht mit emotionalen Themen, die mich selber betreffen. Ich bin grundsätzlich ein sehr emotionaler Mensch, war ich früher auf jeden Fall. Für meinen Job musste ich lernen, umemotional zu werden. Ich bin im Management tätig und habe Personalverantwortung. Es ist dort eine Sache passiert mit meiner Chefin. Daraufhin habe ich verlernt mich selber wahrzunehmen. Ich habe keine Ahnung, wann ich gestresst bin, ich merke die körperlichen Anzeichen davon nicht. Ich falle ganz schnell in eine Schutzhaltung – es ist eine Neutralität, eine Haltung, in der mir alles egal ist. Privat erlebe ich mich so: Wenn meine Frau aufgeregt wird, bleibe ich ruhig. Ich habe für mich den Eindruck, dass ich nicht mehr wirklich weiss, wie es sich anfühlt und was ich fühle. Als Lösung habe ich Achtsamkeitsübungen und Meditation begonnen. Damit sah ich jedoch keine Fortschritte. Ich habe mir vor längerer Zeit schon gesagt: Ich brauche da Hilfe. Ich möchte mehr Achtsamkeit in mein Leben integrieren – aber auch diese körperlichen Symptome in den Griff bekommen.

Das ist die Geschichte von Gerald  (39) aus L (der Name wurde von mir geändert) und er beschreibt sein Erleben mit seinen eigenen Worten. Seine Schilderung hilft mir, eine Hypothese zu bilden: Durch das, was mit seiner Chefin passierte, hat sein Nervensystem umgeschaltet in den Kampf-Fluchtmodus. Sein Nervensystem schützt ihn vor weiterer Überforderung dadurch, dass er keinen Zugang hat zu seinen Gefühlen. Und diesen Zugang werden wir gemeinsam wieder frei legen. Wahrscheinlich wird es darum gehen, einen Vertrauenskonflikt zu lösen.

 

Ist denn nicht eine Depression die Ursache, nicht weinen zu können?

Manche fragen mich auch, ob es nicht das Symptom einer Depression sei, nicht weinen zu können. Ja, bei Menschen, die unter einer Depression leiden, spielt Weinen auch eine Rolle. Die einen können gar nicht mehr aufhören zu weinen, weinen leicht, sind leicht kränkbar und weinen oder können gar nicht weinen. Aber aus diesen einzelnen Symptomen auf eine Depression zu schließen, das wäre falsch. Denn es gehört ein wenig mehr zu einer Depression als nur dieses eine Indiz. Erst wenn Appetit, Schlaf, Energie, Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Müdigkeit nach kleinsten Anstrengungen und Schuldgefühle auftreten, zählt man die Symptomgruppe zu einer Depression.

Für die Diagnose einer leichten, mittelschweren oder gar schweren depressiven Episode müssen mehrere dieser genannten Symptome über eine längere Zeit hinweg zutreffen. Festgelegt ist das in Diagnosemanualen, zum Beispiel im ICD10. Zudem geht dann auch noch die Fähigkeit verloren, Alltagsaktivitäten über eine bestimmte Zeit hinaus aufrechtzuerhalten. Wenn das der Fall ist, dann ist es Zeit für dich, nach einem Therapieplatz zu suchen, dann brauchst du Unterstützung für mindestens ein halbes Jahr bei einem Psychologischen Psychotherapeuten. Umgangssprachlich heißt das: Wenn du deinen Alltag nicht mehr gebacken bekommst.

Wie kommen die Gefühle wieder in Fluss? Wie kann ich wieder weinen?

Vorteile den Selbstbewusstsein zu steigernJetzt mag ich darauf eingehen, wenn du dich fragst: “Wie kommen bei mir die Gefühle wieder in Fluss?” Oder auch: “Wie geht es, dass ich wieder weinen kann?” Für den Fall, dass du sagst: “Ich will weinen, aber es kommen keine Tränen.” Weiter oben habe ich ja bereits geschildert, dass Empathie dieses “Zaubermittel” ist, das Gefühle wieder aufweichen kann, das Starre wieder in Fluss bringen kann, das Lebendigkeit wieder zugänglich machen kann. Und das ist aus meiner Erfahrung immer der Weg, auch die Fähigkeit zu weinen wieder zu aktivieren, um diese Fähigkeit wieder zugänglich zu machen. Denn sie ist ja nicht verschwunden – die ist ja nur eingefroren, abgeschaltet oder in den Hintergrund gerückt – wie auch immer du es bezeichnen magst. Empathie vermag es, dein Nervensystem aus dem Kampf-Fluchtmodus wieder zurück in den Beziehungsmodus zu schalten. Marshall Rosenberg, der Begründer der Gewaltfreien Kommunikation würde sagen: Du hörst auf, Wolfssprache zu sprechen und sprichst dagegen Giraffensprache. Du verlässt den Modus, in dem du dich schützen musst und aktivierst den Modus, in dem du dich geschützt fühlst, in dem Schutz ganz natürlich vorhanden ist. Hier kannst du übrigens nachlesen, wie ich zur Gewaltfreien Kommunikation gekommen bin und wie es mich und meine Arbeit verändert hat. 

Neben der Empathie kann auch Zeit in der Natur hilfreich sein – viel Bewegung, erholsame Pausen und Zeit verbringen mit Menschen, die dir wichtig sind.

Woher kommt die Empathie, die meine Fähigkeit zu Weinen wieder aktivieren kann?

So wie in meinem Beispiel oben kann diese Empathie von jemandem kommen, der mit dir spricht. Das kann eine Freundin sein, deine Mutter oder dein Vater oder sonst ein Mensch, dem du vertraust. Es kann aber auch jemand sein, der in einem professionellen Setting mit dir spricht – so wie bei einem Termin mit mir. Die zweite Möglichkeit, woher die Empathie kommen kann, ist von dir selbst – Selbstempathie. Dies benötigt jedoch ein wenig Übung. Um Selbstempathie zu haben, ist es wichtig, oft genug von anderen emphatische Einfühlung erlebt zu haben. Es ist wie ein Muskel, der trainiert werden kann. Dieser Muskel betätigt diesen Schalter, dein Nervensystem vom Kampf-Fluchtmodus in den Beziehungsmodus zu schalten. Und vielleicht weißt du ja, du kannst das auch durch körperliche Übungen umschalten: Atemübungen, Augenübungen, Sport, Bewegung des Körpers und vieles andere. Das nur als “Ausflug”, falls dir Empathie oder Selbstempathie gerade nicht zur Verfügung steht. Denn wenn du dich nicht aus dem Kampf-Fluchtmodus herausholen kannst, dann klappt es nicht mit der Selbstempathie. Es braucht die Fähigkeit, dich ein wenig von außen zu betrachten, wie eine gute Mutter, die sich in dich einfühlt. Auch das mag geübt sein. Und bis das mit dir selbst gut klappt, kann es sehr dienlich sein, dir Hilfe zu holen – dann wird die Selbstempathie immer besser werden. Als kleine Erinnerung ist es mir auch noch wichtig zu schreiben: Falls es gar nicht klappt – weder mit Empathie noch mit Selbstempathie, dann denke auf jeden Fall daran, dass da ein Trauma im Körper stecken könnte. Dann braucht es jemanden, der das erkennen und lösen kann.

Du magst deine Fähigkeit, weinen zu können, wieder aktivieren?

Meistens ist es nicht das Anliegen, dass eine Frau zu mir kommt und sagt: “Ich möchte wieder weinen können.” Oft ist das ein Nebeneffekt. Denn meistens steht das Selbstbewusstsein im Vordergrund. Frauen sagen mir: Ich möchte den Konflikt mit meinem Kollegen, mit meinem Mann, mit meiner Schwiegermutter auflösen. Oder sie sagt mir, sie möchte wieder gut schlafen können. Dass auch das mit dem Weinen damit zusammenhängt, wird oft erst in unserem Gespräch deutlich. Falls du dir jetzt jedoch auf die Schliche gekommen bist und findest, dass bei dir die Tränen wieder fließen sollen – dann melde dich gerne an zu einem kostenlosen Souveränitäts-Check. Dann werfe ich einen Blick auf deine Situation und ich gebe dir meine Einschätzung, wie du mit deiner Situation weiter kommst. Und schließlich hängt auch die Fähigkeit, weinen zu können, mit dem Selbstbewusstsein zusammen. Wie wäre es, wenn du dich bald nicht mehr zu fragen brauchst: “Ich will weinen, aber es kommen keine Tränen?”

 

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Du magst etwas erfahren zum Phänomen des Lebenden Zwillings?

Vom 12.-21.12.2022 hast du die Gelegenheit, für 0 € beim Onlinekongress dabei zu sein. Anmelden kannst du dich hier. Elke Brenner hat auch mich interviewt. Die Interviews sind jeweils um 18 Uhr frei geschaltet. Mein Interview kannst du am Dienstag, also am 13.12.22 ab 18 Uhr bis Mittwoch um kurz vor 18 Uhr hören.

Das betrifft dich nicht? Vielleicht hast du recht – vielleicht liegt hier die Lösung:

Kennst du diese Gefühle, die schon seit deiner Kindheit? So wie eine Hintergrundmusik?

  • Unerklärliche Trauer
  • Schuldgefühle, Verantwortungsübernehme – wenn es einen Schuldigen braucht, dann stellst du dich zur Verfügung
  • Wut – ausgeprägter Gerechtigkeitssinn
  • Du bist auf der Suche? Weisst aber nicht, was du suchst?
  • Verlassenheitsängste (auch wenn der Partner betroffen ist und es scheinbar mit dir nichts zu tun hat)?
  • Das Gefühl, ganz alleine zu sein – auch wenn du in Gemeinschaft bist.
  • Das Gefühl: Nichts wird ein gutes Ende nehmen. Du kannst keine Projekte (erfolgreich) abschließen, du beginnst vieles, beendest aber nichts.
  • Vieles, vieles mehr…

 

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