Eine junge Frau wendet sich an mich. Sie hatte früher viel Angst und während sie mir erzählt, fällt ihr auf: “Ich habe mich meinen Ängsten gestellt und frage mich, warum ich immer noch Angst habe?” Das hat mich sofort zum Nachdenken gebracht. Warum wohl geht die Angst dieser jungen Frau nicht weg?

Warum geht die Angst nicht weg?

So wie ihr geht es sicherlich ganz vielen anderen Frauen. Wenn es nicht möglich ist, die Angst durch Konfrontation zu lösen, dann beissen sich so manche die Zähen an ihr aus. Es scheint so vergebens. Aber lass mich der Reihe nach schreiben. Es gibt Angst, die sich recht leicht lösen lässt. Das ist die Angst, die durch ein bestimmtes Ereignis entsteht. Jemand fällt vom Pferd – oder wird vom Hund gebissen. Natürlich möchte dein Organismus dich vor weiteren Unfällen dieser Art schützen – und macht das mit Angst. Angst hat zur Folge, dass du diese Situationen in Zukunft vermeidest. Damit ist das Problem gelöst – du wirst nicht mehr vom Pferd fallen – und auch nicht mehr vom Hund gebissen, wenn du den Tieren einfach nicht mehr begegnest. Aber das ist ja kein Leben. Du möchtest wieder reiten, du möchtest wieder spazieren gehen, Freunde treffen, an Hunden vorbei gehen können. Was ist die Lösung? Konfrontation, richtig. In der Verhaltenstherapie wird deswegen vor allem mit Konfrontation gearbeitet. Dein Therapeut versetzt dich in einen entspannten, vertrauensvollen Zustand – und geht mit dir Reiten, trifft mit dir einen Hund, steigt auf einen hohen Turm oder fährt mit dir Auto. Und dein ganzer Organismus verlernt die Angst. Du hast dich ihr gestellt – hast sie überwunden. Dein Nervensystem hat die Erfahrung gemacht: diese Tätigkeit ist wieder mit Sicherheit verbunden. Gratulation. Du hast es geschafft. Wer mal Angst hatte, kann es kaum glauben. Du hast plötzlich gefühlt Boden unter den Füßen.

Kein Boden unter den Füßen

Der hängt vollkommen in der Luft, also fast…

Und wenn die Angst nicht weg geht, auch wenn ich mich ihr stelle?

Jetzt gibt es aber auch das Phänomen, dass du eine andere Angst hast. So ganz genau kennst du ihren Auslöser nicht. Und da kannst du vieles unternehmen – du kannst aufs Pferd steigen oder auf einen Berg, kannst ins Flugzeug steigen, Auto fahren, dich in Menschenmengen begeben – aber die Angst verzieht sich nicht. Du beginnst dich zu fragen: “Ich frage mich, ich habe mich doch der Angst gestellt. Wie ist es möglich, dass sie bleibt, dass sie nicht von dannen zieht?” Das lässt zweifeln. Du zweifelst an dir selbst. Gefühlt hast du einfach keinen Boden unter den Füßen. Wenn du dich hier wieder erkennst, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass diese Angst nicht von einem einzigen Ereignis kommt.

Die drei Fähigkeiten des Nervensystems.

Wenn du hier schon länger bist, kannst du diesen Absatz einfach überlesen. Im ersten Modus hat das Nervensystem alles zur Verfügung, das du brauchst, um mit dir oder anderen in Beziehung zu sein. Dir Dir steht aber ebenfalls alles zur Verfügung was du brauchst, um erfolgreich zu sein. Wenn uns jetzt Sicherheit oder Vertrauen verloren gehen, dann schaltet unser Nervensystem um in den Kampf-Fluchtmodus. Jetzt hat dein Nervensystem andere Fähigkeiten. Wenn Angst, der du dich gestellt hast, nicht weg geht, hat wahrscheinlich ihren Ursprung in einem dritten Modus den es gibt. Wenn wir in Lebensgefahr sind, dann kann unser Körper in eine Starre gehen oder in eine Abspaltung, was sich in der Fachsprache Dissoziation nennt. Dann sind wir wie abgespalten. Jemand der einen Unfall erlebte kann es sogar so erleben, dass er bei einem Unfall das ganze Geschehen wie von oben beobachtet. Es geht aber auch dass man durch einen Schock wie in einer Zwischenwelt lebt und nicht mehr das Gefühl hat, sich selbst zu sein. Das braucht auch eine ganz besondere Form von Psychotherapie, weil das durch eine Konfrontation nur noch schlimmer wird. Wenn du also einen Schock erlebt hast, dann ist Konfrontation nicht das Richtige – weil es die Symptome noch mehr verstärkt.

Ist der Schock ist die Ursache für die Angst?

Kein Boden unter den Füßen

Franzosen lieben Kunst!

Ich mag heute auf den Schock eingehen, auf die Starre. Wenn unser Körper sich in eine Starre versetzt – so wie ein Rehkitz – so kann auch unser Körper in eine Starre gehen, wenn das Überleben in Gefahr ist. Er macht das, einfach um uns zu schützen. Dieser Vorgang kann bereits weit zurück in der Kindheit geschehen sein. Das können sogar Situationen sein, die wir als Erwachsene überhaupt nicht als lebensgefährlich einstufen. Wenn du also öfters die Wahrnehmung hast: “Ich habe gar keinen Boden unter den Füßen.”, dann kann das ein Zeichen sein, dass es auf dich zutrifft, dass du so etwas erlebt hast. Für mich ist es oft das Kriterium an dem ich merke, dass da jemand drin steckt – es ist aber auch die Formulierung, von der sich jemand angesprochen fühlt. Du musst gar nicht wissen wodurch es geschehen ist, wichtig ist nur, dass du. merkst, ich habe Angst, habe oft Angst die Kontrolle zu verlieren, habe die Tendenz die Kontrolle haben zu wollen . Und eigentlich ist die ganze Panik nur der Ausdruck davon: Ich habe keine Kontrolle, ich möchte gerne Kontrolle haben, ich habe keine Sicherheit. Das ist nicht durch Konfrontation heilbar – sondern nur dadurch, dass aus deinem Körper diese Schockstarre gelöst wird. Durch Konfrontation verschlimmert sich diese Art von Angst nur noch.

Wodurch entsteht diese Starre?

Es kann durch ein Trauma entstanden sein. Was ist das? Es ist eine Situation, die dich überfordert hat. Mit deinem Alltagsbewusstsein könntest du sagen: Es war einfach eine Überforderung. Weil diese so unangenehm sind, sagst du dir: Das war einfach nur eine Überforderung. Der Körper hält nun diese Anspannung in sich solange bis sie gelöst ist. Vielleicht fragst du dich jetzt: Wie lange dauert es, bis das sich wieder löst? Das ist meine Lieblingsfrage – denn das kann ich nicht beantworten –  ich kenne dich nicht. Ich habe keine Ahnung, ob du nur eine Erfahrung gemacht hast, oder ob du viele solche Situationen erlebt hast. Darauf kommt es an, wie schnell oder wie lange es dauert, bis sich das alles wieder aus deinem Nervensystem lösen wird.

Du kannst dein Selbstbewusstsein aus dir erstrahlen lassen!

Mir ist es wichtig, dir zu sagen: Wenn du Angst erlebt hast und du dich diese Angst schon oft gestellt hast – und sie geht einfach nicht weg. Dann kann es sein, dass du in einer Starre gelandet bist – dann geht sie einfach nicht weg. Aber es ist möglich, die zu lösen. Suche dir in diesem Fall jemanden, der sich mit Traumatherapie auskennt, der Traumen lösen kann. So kann dir geholfen werden. Wenn es bei dir der Fall ist – zweifle nicht an dir – du hast alles richtig gemacht. Du hast nur noch nicht die Lösung gefunden dafür was dein Problem ist. Du wirst erleben, wenn sich das löst, dann wird auch dein Selbstwert, dein Selbstbewusstsein wieder aus dir erstrahlen. Wenn so eine Starre in deinem System ist, im Körper steckt, dann kann nicht dein ganzes Nervensystem in den Beziehungsmodus wechseln. Beziehungen zu gestalten kann dann sehr anstrengend sein, du bist nicht gerne in Menschenmengen. Wenn das gelöst ist, wirst du merken, es ist wieder alles anders. Du wirst dich nicht wieder erkennen, wie innerlich groß und innerlich sicher und wertvoll du dich fühlst und erlebst. Das wünsche ich dir, dass du daran wieder anknüpfen kannst. Denn das ist nichts, was ein Therapeut dir schenkt, sondern das alles ist bereits in dir – es ist nur nicht entfaltet, weil dein Nervensystem bisher nicht in diesem Modus war. Und das wünsche ich dir!

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#53 – Ich stelle mich der Angst – warum ist sie immer noch da?

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#51 – Hilfe, mein Leben ist eine vertane Lebenschance!

#47 – Hilfe, wie werde ich erwachsen?

#44 – Interview mit Dr. Dominik Dotzauer Abnehmen statt Abwärtsspirale

Bilder: Shivani Vogt (cc)