Was passiert, wenn ein Zwilling im Mutterleib stirbt?

Dez 6, 2022 | Psychologisches Wissen | 2 Kommentare

Hier schreibe ich über ein Thema, das auch verstörend sein könnte. Deshalb platziere ich erstmal eine Triggerwarnung für dich, falls du dich nicht mit dem Thema ungeboren verstorbener menschlicher Embryonen oder Föten beschäftigen magst oder kannst. Es geht im Text heute um verstorbene Föten und Embryonen. Dann lies jetzt nicht weiter – oder sorge zumindest gut für dich, falls innere Unruhe auftaucht oder sonstige überfordernden Gefühle sich bei dir zeigen. Du bist schwanger? Dann ist das hier nicht die richtige Lektüre für dich. Ich empfehle dir dann, deine Fragen an die Hebamme deines Vertrauens zu richten.

Inhaltsverzeichnis


Zwillingsschwangerschaft – was ist wenn ein Zwilling verstirbt?

Ich werde diese Frage aus ganz unterschiedlichen Perspektiven beleuchten und beantworten. Es gibt ja mehrere Protagonisten in diesem Szenario. Da ist zum einen die Mutter, aber auch der Vater, dann das Zwillingspärchen – von dem einer sich verabschiedet. Ich selber bin ja Psychologin und betrachte hier nicht schwerpunktmäßig die körperliche Dimension – sondern aus dem seelischen bzw. psychischen Blickwinkel.

Die Rolle der Eltern beim Verlust des einen Zwillings

Von den Eltern ist bei diesem Thema wenig die Rede. Ich höre in meinen Begleitungen höchstens mal den Satz: “Weil die Mutter unbedingt nur ein Mädchen wollte und mein Zwilling ein Junge ist, hat er sich zurück gezogen.” Hier soll es aber nicht um die Motivation gehen oder die Ursache, warum ein Zwilling sich verabschiedet. Das kann ja auch körperliche Ursachen haben – dass ein Körperchen einfach nicht lebensfähig wäre. Die Frage ist vielmehr: Wie geht es der Mutter, wenn einer der Zwillinge geht? Die Mutter war wahrscheinlich schwanger mit Zwillingen und hat eins verloren. Die Frage ist jetzt: Spürt eine Schwangere das? Sie war schwanger mit Zwillingen eins verloren. Vor kurzem sah ich ein Video einer Österreicherin (leider finde ich es nicht mehr), die mit Hilfe ihres Sohnes verstanden hat, dass die Trauer, die sie zu Beginn ihrer Schwangerschaft fühlte, Zeichen des Abschiedes des einen Zwillings war. Und ihr Sohn konnte schon im Kindesalter sein Trauma verstehen und verarbeiten – auf kindliche Art und Weise. Wenn du von dieser Frau hörst, dann schicke mir gerne das Video, dann verlinke ich es hier – das wäre wichtig. Für mich war dieses Video eine Bestätigung, dass der Verlust für die Mutter auf jeden Fall spürbar ist. Der Vater nimmt das sicher auch wahr – aber für ihn spielt das Kind ja oft erst dann eine Rolle, wenn er etwas mit ihm anfangen kann. Und das ist meistens dann, wenn das Kind beginnt zu laufen oder zu sprechen. Diese Zeit wenige Wochen nach der Zeugung spielt für die Väter eher weniger eine Rolle und die Gefühle, die der Vater hat, können so wahrscheinlich gar nicht zugeordnet werden.

Was passiert mit dem Zwilling, der im Mutterleib stirbt?

Die Spur, auf die wir uns jetzt begeben, werden wir nicht abschließend aufklären können. Es gibt verschiedene Ansätze, verschiedene Erklärungen – aber wir werden nicht DIE eine Antwort finden. Hier geht es darum, wenn eine Frau schwanger ist mit Zwillingen und feststellt, sie hat eins verloren. Was passiert mit diesem Zwilling? Was passiert mit dem abgestorbenen Zwilling im Körper?

Der verstorbene Zwilling kapselt sich ab und wird zu einer Zyste

Als erstes gibt es die Beobachtung, dass es im Körper von Menschen besondere Tumore gibt. Ein Tumor ist laut Definition erstmal ein eine Wucherung oder Anschwellung von Gewebe (es muss nicht zwingend eine onkologische Wucherung ein). Und hier kommt erstmal eine Erklärung.

Was ist ein Teratom?

In der Medizin gibt es eine Art von Tumor, der mit einem Zwilling in Verbindung gebracht wird. Es ist die Dermoidzyste, aber zu den Teratomen gehört. Bei Wikipedia kannst du mehr darüber erfahren. Es ist ein Tumor mit Haaren und Zähnen, manche sagen ein Teratom mit Haaren und Zähnen und andere sagen eine Dermoidzyste mit Haaren und Zähnen. Manche sagen, dass dieses Teratom das Überbleibsel des Zwillings sei – andere bezweifeln das oder streiten es sogar ab. Worin sie sich jedoch einig sind: So eine Dermoidzyste ist “angeboren” und stellt eine embryonale Fehlentwicklung dar. Was ich zu diesem Punkt sagen kann ist, dass eine Klientin von mir vor gar nicht langer Zeit eine Operation hatte, um eine Zyste herauszuoperieren. Es war eine Dermoidzyste und bei ihr gab es auch einen Zwilling, der sich bereits im Mutterleib verabschiedete. Zu klären bliebe nur noch: Wie kommt die Zyste in den Körper des verbliebenen Zwillings? Das kann sicher nur dann stattfinden, wenn sich die beiden in einer einzigen Fruchtblase befinden.

Der verstorbene Zwilling verbleibt in der Plazenta

Nachdem sich der Zwilling verabschiedet hat, mumifiziert er und verbleibt als Fetus papyraceus in der Plazenta. So wird der Fötus aus einer Mehrlingsschwangerschaft genannt, der verstorben ist. Diese Art von Totgeburt wird auch als intrauteriner Fruchttod bezeichnet und ist gar nicht selten.

Der verstorbene Zwilling verlässt den Körper der Mutter

Wenn ich eine Frau begleite, kommen durchaus auch traurige Tatsachen ans Licht. Nicht jeder Zwilling, der verstirbt, tut das spontan. Manchmal stellen wir fest, dass hier nachgeholfen wurde – ich spreche von einer Abtreibung. Nachdem die Mutter bezeugte, dass ein Kind abgegangen ist, geht sie davon aus, sie sei nicht mehr schwanger. Jetzt ist der der verbleibende Embryo alleine im Mutterleib. Aber diese Abgänge können auch spontan geschehen. Wenn dies ziemlich früh in der Schwangerschaft geschieht, einfach eine etwas stärkere Regelblutung und die Mutter denkt nicht im Traum daran, sie könnte schwanger sein. Hier ist also dann kein abgestorbener Zwilling mehr im Körper der Mutter, sondern nur noch der überlebende Zwilling.

Mehrlinge in der Fortpflanzungsmedizin

Einen Sonderfall mach ich hier noch behandeln. Seit die Fortpflanzungsmedizin immer mehr Einfluß bekommen hat, gibt es dort ein Phänomen, das auch in diesen Bereich fällt. Werden der Frau in einer Kinderwunschklinik Eizellen entnommen, außerhalb befruchtet und diese eingesetzt (ICSI), dann entstehen oft Mehrlingsschwangerschaften. Von diesen kann eines oder können mehrere Embryonen wieder entfernt. Einfach aus dem Grund, weil eine Mehrlingsschwangerschaft eine Risikoschwangerschaft darstellt. Mir ist es hier wichtig darüber hier zu schreiben. Ich mag das nicht verurteilen. Diese Entscheidung ist schwer genug zu treffen. Aber ich mag dir mitgeben – falls es dich betrifft – Deckel das nicht zu. Denke nicht, wenn du nicht darüber sprichst, dann ist es als sei es nie geschehen. Sprich darüber – wenigstens mit dem Vater der Kinder und wenn es Zeit dazu ist auch mit den Kindern selbst. Denn wenn du dazu stehst und es nicht deckelst, ist dieser schwere Schritt am leichtesten zu tragen – glaube mir. Auf diese Weise ist das Schwere am leichtesten schwer. Und wenn du es lieber deckeln magst, dann suche lieber jemanden auf, mit dem du drüber reden kannst – vor allem über deine Gefühle dazu. Meistens steht das im Zusammenhang mit Schuldgefühlen. Diese solltest du auf jeden Fall aufarbeiten, damit sie einen Platz in deinem Herzen bekommen. Sonst gibst du diese an dein Kind weiter – und das trägt schwer daran.

Mythen, was mit dem verlorenen Zwilling geschieht.

Ich schrieb ja schon, dass es nach wie vor nicht eine einzige Erklärung gibt für die Frage, was geschieht mit dem Zwilling, der stirbt? Deshalb gibt es natürlich auch Raum für Mythen, es gibt Raum für Erklärungen, die an den Haaren herbeigezogen sind. Zu diesem gehört natürlich die Vorstellung, der verbliebene Zwilling hätte seinen Zwilling im Mutterlieb gegessen. Oder die Frage, ob das Tearoom lebt? Das ist natürlich nicht so. Eine andere Vorstellung kommt vielleicht der Wahrheit schon näher, wenn man sich vorstellt, dass der Zwilling einfach absorbiert wird. Es könnte eine einfache Erklärung für die Existenz der Dermoidzyste sein. Wie das ganze geschieht – das bleibt noch zu erforschen. Denkbar wäre es ja, dass es geschieht, wenn sich das eine Keimblatt beginnt einzufalten und das andere einen weniger reife Entwicklungsstufe erreicht hat und einfach mit eingefaltet wird. Das würde dafür sprechen, dass eine Dermoidzyste an ganz bestimmten Stellen auftaucht, zum Beispiel auch am Steißbein. Möglichkeiten gibt es viele. Eine Dermoidzyste wird ja immer wieder mit dem Zwilling in Verbindung gebracht – aber noch wird es als unklar bezeichnet, ob es stimmt.

Was passiert mit dem überlebenden Zwilling?

Du siehst, je nach Perspektive kann man den Zwilling, der es geschafft hat, am Leben zu sein, unterschiedlich benennen. Es gibt den lebenden Zwilling, den überlebenden Zwilling, den verlorenen Zwilling, den alleingeborenen Zwilling. Dieser Zwilling hat nun den Verlust des Geschwisterchens miterlebt und das hat in den meisten Fällen ein tiefes Trauma hinterlassen. Was bedeutete es ganz konkret für einen Menschen, wenn ein Zwilling bereits im Mutterbauch stirbt? Jeder erlebt dieses Ereignis ganz individuell. Der verlorene Zwilling kann dadurch körperliche Symptome zeigen – aber vor allem zeigt er Symptome in seinem Erleben. Die meisten von diesen Symptomen zählen zu den Symptomen einer Traumafolgestörung: Schuldgefühle mit übersteigerter Verantwortungsübernahme, Verlustangst, Eifersucht, ständige Habachtstellung, Erfolgsblockaden, große Sehnsucht ohne zu wissen wonach, Verschmelzungssehnsucht, Angst vor Nähe und viele andere mehr. Ich habe den Eindruck, vom bloßen Aufzählen von Symptomen wird sich weder jemand selber erkennen – noch wird das den Geschichten gerecht, die dahinter stehen. Deshalb empfehle ich dir dringend, dir persönliche Geschichten anzuhören. Die können dich berühren, die können dir viel erklären, die bringen das in Resonanz, was in dir dazu lebendig ist.

Das Erleben des überlebenden Zwillings beim Tod des verlorenen Zwillings

Damit das, was mit dem überlebenden Zwilling geschieht nicht nur ganz generell hier steht, mag ich stellvertretend für viele andere Geschichten von zwei erzählen. Elke Brenner erzählt in ihrem Buch “(Über)Lebender Zwilling”, dass sie wahrnahmen, dass ein unlebendiger Klumpen neben ihnen war und sie sich damit nicht wohl fühlte. Es verursachte einen riesigen Stress, den sie selber nicht lösen konnte. Und außen wusste ja auch niemand davon – deshalb konnte keine kommen zu helfen. Das kann sehr überfordernd sein und mit allen späteren Situationen, die mit dem Tod in Verbindung stehen, getriggert werden. Da ist es gut zu wissen, woher es kommt, dass diese Situationen überfordernd sind.

In meinem Fall spürte ich ganz deutlich, dass das Fruchtwasser wie vergiftet war, ich erlebte es als grün und gelb. Zum Schutz vor den Gefühlen, die das auslöste, konnte ich mich nur in eine Dissoziation retten. Das bedeutet, dass ich aus dem Körper ausgestiegen bin, um in Sicherheit davor zu sein, um das nicht mehr spüren zu müssen. Das ist eine der beiden Fähigkeiten, die unser System zur Verfügung hat, um bei einem Schock und bei einer traumatischen Situation zu überleben und nicht zusammen zu brechen. Die andere Fähigkeit ist das Einfrieren bzw die Starre. Und in diesem dissoziierten Zustand konnte ich meiner Mutter natürlich bei der Geburt auch nicht helfen – entsprechend schwer war die auch – ich musste mit der Saugglocke geholt werden.

Gehe auf die Suche, wenn du das Gefühl hast, dass es etwas mit dir zu tun hat. Und wähle deine Begleiterin oder deinen Begleiter weise. Beim Kongress Lebender Zwilling hast du die Gelegenheit, dir einige anzusehen. Dort hörst du auch jeweils die individuelle Geschichte der Referenten. Ich freue mich schon auf den Kongress.

Magst du noch mehr lesen zum Thema?

Rezension (Über)Lebender Zwilling von Elke Brenner

Bin ich ein alleingeborener Zwilling? So findest du es heraus!

Die 75 wichtigsten Links und Ressourcen für allein geborene Zwillinge

#104 – Wie finde ich heraus was ich will? (Podcast)

P.S. Das Titelbild habe ich deshalb so gestaltet, weil ich ein alleingeborener Drilling bin. Ich weiss selbst nicht, was mit meinen beiden Drillingsschwestern passierte. Falls das für mich relevant sein sollte – dann könnte es sein, dass dies noch im Unbewussten schlummert und sich irgendwann mal ins Bewusstsein kommt. Derzeit fühlt es sich für mich nicht so an, als wäre das wichtig. Mein Trauma in diesem Zusammenhang lag an einer anderen Stelle.

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2 Kommentare

  1. Jeannine

    Liebe Shivani. Vielen Dank für diesen tollen Blogartikel. Ich bin ein überlebender Zwilling und hatte eine Dermoid-Operation (sogar 3 x). Ich kenne diese Gefühle, die du beschrieben hast sehr gut! Endlich schreibt jemand darüber!
    Herzliche Grüsse Jeannine

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  2. Birgit Ising

    Liebe Shivani, danke für diesen Artikel, der mich sehr berührt hat. Es ist ein Thema, mit dem ich mich noch nie beschäftigt habe? Ich frage mich gerade, wie das sein kann? Uff. Ein so wichtiges Thema! Ich werde gleich in den „Herausfinde-Artikel“ einsteigen. Abtauch … Viele Grüße, Birgit

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