Oft begleite ich Frauen, die mir sagen, dass es nicht so läuft wie sie es gerne hätten. Gerne würden sie ihren Weg gehen, aber es klappt nicht. Und wenn ich näher nachfrage, dann finde ich: Mobbing.

Wenn Mobbing dir im Weg steht…

Ja, diese Erfahrungen sind dann oft lange her. Manche Frauen erleben das im Beruf – wie übrigens auch ich. Andere hingegen erleben Mobbing bereits in der Schulzeit. Bisher hat keine Frau meine Unterstützung gesucht, die gerade mitten drin war in diesem Geschehen. Die meisten finden den Weg zu mir erst dann, wenn es schon vorbei ist. Und sie kommen auch gar nicht mit der Intention zu mir, ihre Mobbing-Erfahrungen aufzuarbeiten. Nein, die meisten zweifeln immer noch an sich selbst. Und sie ahnen nicht im geringsten, dass die Erlebnisse, die meist aus der Schulzeit stammen – einen Einfluß darauf haben, dass sie ihren Weg nicht so gehen können wie sie es gerne tun würden.

Woran merke ich, dass ich gemobbt wurde?

Meistens höre ich dann von den Frauen: “Ich kann das gar nicht richtig einschätzen.” Oder sie sagen: “Ich zweifele da an meiner Wahrnehmung.” Aber es kann auch sein, dass sie sich fragen: “Vielleicht stimmt ja doch was mit mir nicht.” Und ich weiss ganz genau, wie das ist. Denn: Auch ich habe Erfahrung mit Mobbing. Und mir ist es in der Tat erst in den letzten paar Jahren so richtig klar geworden, dass das Mobbing war, wie mit mir umgegangen wurde. Dabei konnte ich mich immer an diese unangenehmen Erlebnisse in der Firma erinnern – aber ich habe es für mich, in mir, vor mir nie so genannt. Deshalb weiss ich, wie es ist, dass es auch sein kann, dass du als Frau da draußen sitzt und es erleb hast – und es bisher gar nicht so genannt hast. Woran merkst du es dann, dass du gemobbt wurdest – oder wünschenswerter Weise eben nicht gemobbt wurdest? Da sind wir schon wieder beim Nervensystem. Denn wenn unser Nervensystem im Kampf-Fluchtmodus ist, dann fehlt uns ein Teil unserer Sinneswahrnehmung. Wir vernebeln auch gerne das was wir wahrnehmen, wollen vielleicht etwas gar nicht so wahrnehmen wie es ist. Das heisst, dass jemand als Betroffene diese Situation gar nicht so benennen kann oder erkennen kann.

Warum ist die Wahrnehmung verändert?

Im Kampf-Fluchtmodus ist unsere Wahrnehmung darauf fokussiert, entweder mit dem Bären zu kämpfen – oder dem Bären zu entkommen, also vor ihm zu fliehen. Und beim Mobbing besteht der Bär eben aus denen, die da ungut mit uns umgehen, die uns sozusagen angreifen. Wir bekommen einen Tunnelblick, hören nur noch die Frequenzen, die uns auf Gefahr hinweisen und spüren auch nur noch ganz notwendige Rückmeldungen unserer Haut. Außerdem zieht unser Nervensystem die Versorgung aus den Verdauungsorganen zurück und steckt diese Energie lieber ins Kämpfen oder ins Fliehen. Wer diese Erfahrung kennt, der weiss jetzt, wovon ich rede: Das Reizdarmsyndrom, also Verdauungsbeschwerden. Vor kurzem habe ich sogar schon gehört, dass einer jungen Frau eingeredet wurde, dass ihr Reizdarmsyndrom ganz sicher nichts mit ihren Mobbing-Erfahrungen zu tun habe. Das sei halt so, so würden sich Jugendliche und Kinder halt eben verhalten, daran könne man nichts ändern. Huhuuuu, prost Mahlzeit! Was für eine Wissenslücke. Dabei weiss ich jetzt nicht, ob diese Frau selber ein schlechtes Gewissen hatte, weil sie auch mal in der Vergangenheit gemobbt hat – oder sie das wirklich glaubt. Wenn du von so einer Frau weisst, dann schicke ihr doch diesen Podcast weiter, damit sie es anders lernen kann.

Und was hat das jetzt mit der Wahrnehmung zu tun?

Für die Wahrnehmung bedeutet es nicht nur, dass unser Nervensystem einen Tunnelblick entwickelt – es hat auch alle möglichen Strategien, sich diese Situation “schön zu reden”. Das schreibe ich jetzt so aus der Position aus jemandem, der nicht betroffen ist – oder aus der Position von jemandem, der die Situation bereits überwunden hat. Aus dieser Perspektive sieht es so aus, als hätten wir uns die Situation “schön geredet”. Und wie ist es aus der Situation einer Betroffenen? Ich richte mal mein Spotlight auf dein Nervensystem. Es möchte dich retten, es möchte, dass du der Situation entkommen kannst. Und dazu braucht es alle nötige Energie und schaltet deswegen alles ab, das du nicht brauchst und hilft dir genau das gut zu können, was dir dafür dient. Du hast dir also nichts “schön geredet”, du hast einfach nur in dem Modus funktioniert, der dir gedient hat, die Situation bestmöglich zu bewältigen.

Aber vielleicht habe ich es ja verdient – Oder auch: Sie hat es doch verdient!

Viele Betroffene zweifeln in dieser Situation an sich selbst. Sie denken, dass es an ihnen etwas gibt, was den anderen ein Recht gibt, sie so zu behandeln. Und was es noch schlimmer macht: Auch die anderen meinen, diese Person sei ja so, dass man sie so behandeln müsse. Das hört sich schräg an, ich weiss – aber das ist die Realität. Und ich mag dir sagen wie so etwas entstehen kann.

Ein kleiner Ausflug nach Paris

Dazu mag ich einen kleinen Exkurs machen. Ich saß vor zwei Jahren im August in Paris in einer Kneipe. Dort spielt eine Frau zwei Mal in der Woche Akkordeon und singt Chansons. Ein bei internationalen Touristen ein sehr beliebter Ort. Ich komme damals ins Gespräch mit meiner Tischnachbarin, sie spricht Englisch. Sie kommt aus den USA und ganz schnell stellen wir fest: Wir sind Kolleginnen. Sie arbeitet an einem Projekt bei dem sie sich an Schulen für Kinder stark macht, die Mißbrauch erlebt haben. Ein Satz, der mir im Gedächtnis hängen geblieben ist mag ich mit dir unbedingt teilen. Sie sagte: “Krebskranke Kinder bekommen ganz viel Empathie und Hilfe. Kinder, die Mißbrauch erlebt haben, sind meistens in einem nicht gut regulierten Zustand und verhalten sich deswegen in allen möglichen Richtungen “aggressiv” und werden auch so wahrgenommen. Aus diesem Grund bekommen sie nicht die nötige Empathie, die sie brauchen würden, um erstmal entdeckt und dann auch gesund zu werden.”

Das ist eine ganz schön harte Aussage, wie ich finde. Aber sie spiegelt das wieder wie es wirklich ist. Du kannst das Wort Mißbrauch ersetzen mit jeglicher anderer Art von Überforderung – also auch mit “Mobbing”. Wer also schonmal gemobbt wurde, der verhält sich eher so, dass er sich nicht gut integriert – er ist schon ausgeschlossen und das Umfeld tut jetzt alles, um das noch mehr und mehr zu zementieren. Da ist jemand, der braucht eigentlich Hilfe, da ist jemand der kann vor Verzweiflung schon nur weinen, kann gar nicht mehr sprechen – das ist Grund genug, um dem noch eins drauf zu geben. Das ist für einen Lehrer oder gar einen Rektor (der darin ja auch nicht ausgebildet ist), Grund genug, dem Kind die Schuld zu geben für Dinge, zu denen er das Kind anhören wollte. Und dieses vor lauter Überforderung und Sprachlosigkeit nur weinend auf den Tisch schaut – anstatt mit ihm zu sprechen. Ein klarer Fall von Schuldeingeständnis. Wirklich?

Der Wermutstropfen beim Mobbing

Und dann schließt sich der Kreis wieder. Aus den Augen des Umfeldes hat das komische Mädchen, die komische Frau, der komische Kerl das ja verdient. Und aus der Sicht der Betroffenen, des Betroffenen machen die anderen ja auch nur, was sie oder er offenbar verdient hat. Wirklich? Ich schreibe hier nicht, wovon ich überzeugt bin, sondern ich schreibe was in den Köpfen passiert. Und das würde ich gerne ändern. Ich mag niemanden an dieser Stelle sitzen lassen, ich mag niemanden an dieser Stelle beschuldigen. Was ich schreibe sind nur Erklärungen, sind die inneren Stimmen der Opfer und der Täter. Und was mir wichtig ist: Dass beide in ihre Kraft kommen, dass beide soweit kommen, dass sie wählen können wie sie mit der Situation umgehen. Es kann ja nicht sein, dass beide sich wohl fühlen – beide sind hilflos und wissen nicht wie sie diese Situation für sich lösen sollen. Denn aus meiner Erfahrung trägt auch derjenige, der ausschließt, der bestraft, der verachtet, der mit dem Finger auf andere zeigt, eine oder mehrere Erfahrungen in sich, bei der das Nervensystem überfordert war. Und genau diesen Schmerz, genau diese Hilflosigkeit lässt sich jetzt bei dem, der ja sowieso schon soviel trägt, wunderbar abladen. Und schon gibt es da ein Opfer auf dem man wieder abladen kann.

Und wie kannst du jetzt deinen Weg gehen?

Ich habe schonmal geschrieben: Ich mag dich nicht in dieser Situation sitzen lassen, nein. Ich mag dir gerne den Weg aufzeigen, wie du da wieder heraus kommst. Ich schreibe das hier alles nicht deswegen, dass du dich schlecht fühlst – sondern damit du deinen Weg findest und ihn gehen kannst. Wahrscheinlich wirst du einen großen Leidensdruck haben. Der wird nicht darin bestehen, dass du Mobbing aufarbeiten möchtest. Dein Leidensdruck besteht wahrscheinlich darin, dass du schlecht in Gemeinschaften reinkommst, dass Beziehungen nicht so leicht gelingen wie bei anderen. Dein Leidensdruck wird vor allem Einsamkeit sein. Der erste Schritt aus dieser Einsamkeit heraus in eine gesunde, erfüllte Liebesbeziehung oder in eine gesunde, erfüllte Freundschaft ist, dass du erstmal anerkennst, dass du Hilfe brauchst und dir diese suchst. Bitte achte dabei darauf, dass du nicht nur reine Gespräche bekommst. Du brauchst jemanden, der sich damit auskennt, wie ein Nervensystem vom Trauma befreit wird. Du brauchst jemanden, der erkennt, dass du sprachlos warst, dass du eingefroren warst – und der dir hilft, das körperlich und emotional alles wieder “aufzutauen”. Ja, das ist möglich.

Dein Seelenanwalt

Da bekommt dein Nervensystem erstmal jemanden an die Seite, der für dich da ist, der für dich Partei ergreift. Du hast jemanden an der Seite, der sagt: “Stop, aufhören!”. Du bekommst jemanden an die Seite, der wie ein Anwalt für dich da ist, wie ein Seelenanwalt für dich spricht. Du bekommst jemanden an die Seite, der dir soviel Sicherheit und soviel Vertrauen geben kann, dass dein Nervensystem wieder umschalten kann in den Verbundenheitsmodus. Du spürst wieder, dass du dazugehört. Du brauchst nicht dafür zu kämpfen. Das musstest du nie – diese Wahrnehmung war schon immer nur ein Zeichen von deinem Nervensystem, dass da ein Schock eingefroren war. Es lag nie an dir. Du kannst endlich die Gefühle zulassen, die darin festgehalten waren. Trauer, Wut, Verzweiflung, Hilflosigkeit – aber auch Erleichterung, endlich Freude und wieder angenehme Empfindungen. Ein aufrechter Körper, eine leichte Atmung – ein Lächeln auf deinen Lippen, das nicht aufgesetzt ist und zu deinem Schutz dient. Ein Lächeln, das von ganz tief von innen kommt. Ein Lächeln, das dich von ganz tief innen wärmt.

Du hast schonmal jemanden gemobbt?

Huuuui, dann danke ich dir erstmal, dass du es geschafft hast, bis hierher zu lesen. Das finde ich mutig. Denn auch bei dir dürfte dieser Text eine ganze Gefühlslawine ausgelöst haben. Hast du dir schon Gedanken gemacht, was du aus diesen Zeilen mitgenommen hast? Und magst du eine Konsequenz daraus ziehen? Das fände ich schön. Du kannst überlegen, auf wen du zugehen möchtest. Vielleicht magst du ein “Verzeihung” über die Lippen bringen? So eine Situation kann gar nicht lange genug her sein – sie ist reparierbar. Du kannst die Folgen nicht rückgängig machen – ein Mensch ist keine Maschine. Aber du kannst Frieden bringen – in das Herz von einem anderen Menschen – und in deins.

Du kennst jemanden, den du hier wieder erkennst?

Falls dich mein Artikel an jemanden erinnert, den du kennst, dann kannst du diesen Beitrag – oder auch den zugehörigen Podcast gerne weiterleiten. Damit bringst du ganz sicher Frieden in das Leben von nicht nur einem Menschen und ich danke dir sehr dafür.

Du erkennst, dass du selber Mobbing erlebt hast?

Falls du dir jetzt selber auf die Schliche gekommen bist – dann atme erstmal tief durch. Für dich ist jetzt wichtig: Was du dir wünschst, das kannst du erreichen. Aber bitte gehe deinen Weg erst weiter, nachdem du dir Hilfe geholt hast, lasse dich unterstützen. Ich weiss aus eigener Erfahrung – und aus der Erfahrung der Begleitung von ganz vielen Frauen und Männern, dass der Weg viel leichter ist, wenn diese alten Schocks gelöst sind. Und in ganz vielen Fällen ist es dann nicht nur viel leichter – sonder es ist erst dann möglich, wieder in deiner Kraft zu sein. Und das wünsche ich dir.

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