Ja, ich will dich schocken. Nein, es ist nicht mein Plan, Kinder zu erziehen wie einen Hund. Es ist auch kein Witz – es ist der Titel einer neuen Reality Doku des Privatsenders RTL. Und ich bin fassungslos. Was für ein Rückschritt. Aber der Reihe nach…

Tiergestützte Therapie ist doch wertvoll, oder?

Erziehe dein Kind

Kinder und Tiere sind ein gutes Team.

Jetzt musst du wissen, dass ich sehr viel halte von tiergestützter Therapie beziehungsweise von Ansätzen, wie Tiere Menschen helfen können. Bei diesen steht die Beziehung zum Tier im Mittelpunkt. Das ist eine Haltung, die Verbindung schafft. Wer mich kennt, der weiss, dass mir diese Verbindung sehr wichtig ist. Es ist der Antrieb mit dem ich meine Arbeit mache, jeden Tag. Jetzt spreche ich wieder von der Verbindung, die zwischen zwei Menschen sein kann. Und genau diese Verbindung gibt es auch zwischen Mensch und Tier. Ein Mensch, der sein Tier nicht als Besitz oder als Objekt sieht ist zum Beispiel Paloma Bärtschi. Sie lebt in der Schweiz und bei ihr kannst du lernen, mit deinem Tier telepathisch zu kommunizieren. Wenn sie über jemanden spricht, der mit einem Tier zusammen lebt, dann spricht sie nicht vom “Besitzer”, sondern von dem “Menschen, der zum Tier gehört.”  Ich schreibe hier über sie stellvertretend für viele andere, die in dieser wertschätzenden, beziehungsorientierten Weise mit ihren Tieren umgehen und andere darin auch unterstützen. Und diese Haltung ist für mich absolut wertvoll. Hier ist Wertschätzung zwischen Mensch und Tier. So soll es sein, da kann das Herz aufgehen.

Was ist das Konzept hinter “Erziehe Dein Kind wie einen Hund”?

Was lässt mich nun so entsetzt sein, wenn ich lese, was RTL da begonnen hat auszustrahlen? Wäre es nicht ein Traum, wenn du nur rufen müsstest: “Sitz!” und dein Kind setzt sich hin wie du es auch einem Hund antrainieren kannst? Aber dazu komme ich später. Während meines Studiums machten wir an einer Studie mit, die untersuchte, wie sich Reality Shows aus dem Gerichtssaal auf Kinder auswirkt. Es ging dabei vor allem um die Kinder, die vor Gericht aussagen sollten. Natürlich geht es dabei um Sorgerechtsverfahren. Und die Ergebnisse zeigten deutlich, dass der virtuelle Gerichtssaal in den Gehirnen der Kinder Wirklichkeit schafft. Und das tut eine Erziehungssendung auch. Doch welche Wirklichkeit wird da geschaffen? Und welche Bilder, welche Normalität wird da in die Köpfe und in die Herzen gepflanzt? Nicht nur, dass hier Familien besucht werden, die trainiert werden und über die mit Macht bestimmt wird – anstatt sie mit Empathie und Wertschätzung wahrzunehmen und zu unterstützen. Nein, jedes Kind, jeder Mensch, der die Sendung sieht, könnte denken, dass dies die aktuelle Form von Kindererziehung darstellt.

Und was wird denn nun gezeigt? Wie ist das Konzept? Der Sendung liegt das Konzept der Konditionierung zugrunde. Über Belohnung und Bestrafung wird Gehorsam antrainiert. Wer Gehorsam fordert, der erreicht sein Ziel mit Manipulation, Angst  und Macht. Die Folge ist, dass der Wille der Kinder gebrochen wird. Genau wie man übrigens in Trainings auch den Willen von Tieren brechen kann – auch grauslich. Und letztendlich manifestiert sich ein Bindungstrauma. Es kann sich kein Vertrauen zwischen dem Kind und seinen Eltern aufbauen. Denn oft ist zu beobachten, dass Kinder deswegen verhaltensauffällig sind, weil die Eltern umausgetragene Konflikte mit sich herumtragen. Der Stress liegt dann nicht beim Kind, sondern in der Beziehung. Das Kind kann keine Verbindung zum Elternteil fühlen und ist im Stress, kann nicht reguliert werden. Und hier wäre der wahre Hebel einer Unterstützung. Stressen lösen, Verbundenheit herstellen. Und nicht in einer Konditionierung, die mittels Klicker (Geräusche zeitlich nahe dem erwünschten bzw. dem unerwünschten Verhalten) das Kind dressiert. Die letztendliche Folge sind leichte oder schwerwiegende psychische Erkrankungen (Angsterkrankungen, Depression oder Bindungsstörungen). Und Menschen, die aus Angst gehorsam sind.

alter Hut

Ein alter Hut?

Was sagen die Experten?

Auf den Seiten des Senders kommt die Sendung ja gar nicht schlecht weg. “Tiergestützt” und “glückliche Eltern” – wer will das nicht? Aber wie das abläuft und welche Methoden angewendet werden, dass diese total veraltet sind und die heutige Erziehung beziehungsorientiert abläuft – davon kein Wort. Hier wird ein alter Hut verkauft und das auch noch mit schönen Worten. Viel klarer bezieht sich Katia Saalfrank, die ehemalige Super Nanny des Senders. Sie schreibt dazu am 2. Januar in ihrem Facebook Profil ganz klare Worte: Welchen Blick haben wir auf Kinder und wie gehen wir mit ihnen um? Sie hat sich übrigens schon vor Jahren vom Sender RTL distanziert und ist nicht die einzige Expertin, die diese Sendung kritisiert. Sandra Teml-Jetter bezieht in diesem Artikel deutlich Stellung. Sie wurde nach der ersten Ausstrahlung am Sonntagabend 4. Januar 2021 interviewt und was sie sagt entspricht dem, was heutzutage in der Pädagogik und der modernen Kindererziehung bekannt ist. Kinder brauchen Empathie, sie sollen wahrgenommen werden, in ihren Gefühlen bestärkt werden und sie brauchen feste Grenzen. Und zwar nicht durch Belohnung und Strafe, sie sollen nicht blind gehorchen. Kinder sollen einen eigenen Willen entwickeln, auf ihr eigenes Bauchgefühl hören können und in ihren eigenen Gefühlen wahrgenommen werden. Genau das meint auch Gerald Hüther damit, wenn er sagt, Kinder sollen nicht als Objekt wahrgenommen werden, sondern als Subjekt. Und der Unterschied ist dann auch, dass sie Intelligenz entwickeln und nicht nur die Fähigkeit, sich anzupassen. Ich wäre echt neugierig, was er zu dieser Sendung sagt?

Was ist meine Erfahrung mit diesem Erziehungsstil?

Was ist der Grund, warum es mir so graut wenn ich davon höre, wie hier Erziehung demonstriert wird? Ich kann ja meine Schweigepflicht nicht brechen und von einzelnen Schicksalen schreiben. Aber ich kann schreiben, dass dieser Stil, bei dem mit Macht und Angst Gehorsam erzwungen wird, diesen Kindern viele Ketten und Fesseln in die Vergangenheit anlegt. Diese müssen dann mühsam wieder abgekettet und überwunden werden. Und nicht jeder, der unter diesen Einschränkungen leidet, erkennt auch, dass er Hilfe braucht beziehungsweise, dass es einfache Hilfe gibt. Der Leidensdruck entsteht dann durch Psychosomatische Beschwerden, Verdauungsprobleme, Kopfschmerzen, Ängste, Spinnenphobie, Erfolgsblockaden, Selbstzweifel, Unsicherheit in Beziehungen, Geräuschempfindlichkeit, und, und, und. Jetzt gehe ich davon aus, dass die Situationen, bei denn ich meine Klienten unterstütze, entstanden sind, weil es die Eltern nicht besser wussten. Aber wir wissen es heute besser. Und deswegen sollten wir unseren Kindern und den jungen Eltern auch genau das in den Medien präsentieren. Sind es glückliche Eltern, die merken, dass die Kinder tun was die Eltern wollen? Oder sind es glückliche Eltern, die stolz sind, weil ihre Kinder selbstbewusst ihren eigenen Weg gehen können?

Wie kannst du protestieren?

Deinen Protest gegen die Sendung kannst du hier bei change.org zum Ausdruck bringen. Momentan gibt es dort 37.000 von 50.000 nötigen Teilnehmer. Und natürlich kannst du deine Meinung auch beim Sender zum Ausdruck bringen. Das müsste doch zu schaffen sein, oder? Ich habe dort auch schon abgestimmt. Katja Saalfrank hat es damals bei der Sendung Super Nanny geschafft, die überalteten Methoden aus der Sendung zu verbannen und die wertschätzenden, beziehungsorientierten unterzubringen. Und aus meiner Sicht gehört die Sendung entweder abgesetzt – oder vollkommen umgekrempelt. Denn was dort gezeigt wird, so gehen heutzutage Hundetrainer auch nicht mehr mit ihren Tieren um. Selbst dort ist nicht mehr Macht, sondern Beziehung ein hoher Wert.

Hier hatte ich übrigens Paloma für Interview in meinem Podcast zu Gast

#18 – Paloma Bärtschi, was ist telepathische Tierkommunikation?

Was denkst du über das Thema? Hast du die Sendung gesehen?

 

Bücher zum Thema

Hüther Wege aus der Angst    Saalfrank Kindheit ohne Strafen  Saalfrank Was unsere Kinder brauchen

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