Worte öffnen verschlossene Herzen und können Leben verändern

Okt 7, 2022 | Psychologisches Wissen | 2 Kommentare

Ich nehme teil an der Blogparade von Heike Brandl. Sie ist Heilpädagogin und bei ihr gibt es Inspiration für wertschätzende Kommunikation. Sie ruft zur Blogparade auf und der Titel ist: Sprache als Schlüssel in der Erziehung. Ich selber kann ja mit Erziehung nicht mitreden, da ich keine eigenen Kinder habe. Heike bittet mich, zu schreiben, wie ich mit Sprache Situationen in der Erziehung befrieden konnte. Ich befriede ja ganz viele Erziehungs-Situationen “im Nachhinein” – mit meinen Klientinnen. Und darüber mag ich gerne hier schreiben und teilnehmen. Initiiert wurde die Blogparade übrigens von unserer gemeinsamen Blogmentorin Judith Peters. Und meine Erfahrung ist: Worte öffnen verschlossene Herzen!

Worte öffnen verschlossene Herzen – die Situation als Kind zu Tisch

Lange habe ich überlegt, welche Situation einer Klientin ich hier transparent machen möchte. Erst habe ich ein paar in meinem Oberstübchen gedreht und gewendet – und heraus sprang das Bild von einem Kind, das am Eßtsich sitzt. Ich liebe ja die Bilder von meinem Unterbewusstsein. Es hat immer recht. So wie auch oft in den Begleitungen – die Bilder, die von tief innen kommen, transportieren große Weisheit und Wahrheit. Und es kommt ganz oft vor, wenn ich jemanden frage, was war denn eine typische Situation, in der dieses unangenehme Gefühl präsent war, das du gerne überwinden magst? Oft sagt dann eine Frau: Ich sehe mich gerade, wie wir gemeinsam am Esstisch sitzen, ich bin fünf, acht oder zwölf Jahre alt. Und du ahnst es schon – der Haussegen hängt schief. Für die Kinder ist es unerträglich. Oft merken es die Eltern auch – aber für die ist diese miese Stimmung oft schon so normal, dass sie es gar nicht merken. Für die Kinder aber umso mehr. Denn sie spüren ja die Stimmung und die Gefühle, die von den Eltern bei sich selbst unterdrücken – auch wenn Eltern es verbergen möchten. Und so kann’s sein, dass die Stimmung schlecht ist, weil Eltern ihre Überforderung nicht zugeben – oder weil es schon zum “ganz normalen Lebensgefühl” geworden ist. Wobei in diesem Fall dann von Leben keine Spur mehr ist – es ist eher ein Funktionieren. Spaß macht das schon lange keinen mehr. Von offenen Herzen keine Spur. Es braucht dringend Worte, die Herzen öffnen können.

Wie empfinden und reagieren Kinder dann zu Tisch?

Wenn die Stimmung am Tisch schlecht ist, dann kann es sein, Kinder haben körperliche Symptome. Manche können nichts mehr essen – bekommen eine Sperre, zu essen. Die sechsjährige Jeanine sitzt dann zum Beispiel lustlos beim Essen und es scheint, dass die Eltern schlecht gekocht haben. Dabei ist einfach ein Knoten im Magen, der Solarplexus zieht sich zusammen, vielleicht ist Jeanine sogar schlecht – ihr ist ganz übel von der Belastung, die in der Luft liegt. Sie fühlt sich auch nicht gut, sie will ja essen – aber sie kann einfach nicht. Schlimm ist auch, dass sie nicht weiss, warum es ihr so geht. Der 8jährige Alexander wird eher ruhig, still, redet wenig. Wenn er überhaupt in die Gespräche einbezogen wird, dann mag er gar nicht antworten, hat keine Lust, sich von sich aus am Gespräch sich zu beteiligen. Er fängt an, mit dem Stuhl zu wippen, mit etwas zu spielen, ihm fällt alles Mögliche ein, um der schrecklichen Stimmung am Tisch zu entkommen. Martha dagegen wird äußerlich still, flieht aber innerlich weg und ihre Lösung ist, dass sie in eine Traumwelt abtaucht. Alles scheint besser zu sein, als dieser schrecklichen Situation weiter ausgeliefert zu sein. Freunde hat sie nur in ihrem inneren – aber davon weiss keiner, das hält sie geheim. Haustiere reagieren übrigens auch darauf. Mir ist aufgefallen, dass Katzen genau an dem Platz sitzen, der sich am schlimmsten anfühlt – sie helfen, die unangenehme Situation dann aufzulösen.

Was machen die Eltern, um die Stimmung “zu versauen”?

Ich drücke es absichtlich so drastisch aus. Ich bin mir sicher, die Eltern machen das nicht absichtlich. Aber sie sind schließlich dafür verantwortlich, die Stimmung zu gestalten. Nur vielen ist das gar nicht bewusst. Oft sind Kinder nur die Spiegel dessen, wie sich das Nervensystem der Eltern anfühlt. Und so kann eben die kleine sechsjährige Jeanine, die nicht ißt, die nicht essen kann, ein Spiegel sein dafür, dass Eltern eigene Probleme nicht gelöst haben, dass es ein Thema gibt, das nicht verdaut ist. Das können auch Ereignisse sein, die längst vergessen sind – die Ursache kann weit zurück in der Vergangenheit liegen. Es kann zum Beispiel ein Familiengeheimnis sein, das ein Grundgefühl im Nervensystem der Mutter hinterlassen hat – das schnappen die Kinder auf und sind belastet davon. Solange bis es endlich aufgedeckt ist, bis es ausgesprochen ist, das Geheimnis, bis es durchschaut wurde. Und die Erleichterung samt Erkenntnissen kommt dann auch, wenn es Jahre später ausgesprochen wird. Oder ganz verbreitet ist dieses Tisch-Thema, wenn es Zeugnisse gibt. Tatsächlich sind all die Tage dazwischen auch nicht gut von der Stimmung – aber die Zeugnis-Tage sind einfach greifbar und benennbar. Da wird der 8jährige Alexander gefragt: “Warum ist es nur eine 2?” Oder auch: “Wie kann es sein, dass du nicht versetzt wirst und ich bisher nichts davon mitbekommen habe?” Ja wie auch – wenn das Kind kein Vertrauen zu den Eltern hat – sondern Angst? Was gibt es denn da nicht zu verstehen bitte?

Worte öffnen verschlossene Herzen auch zu Tisch.

Heike hat mich ja gefragt, was ich durch Kommunikation anders mache. Und jetzt kommt der Teil, wo ich ins Spiel komme und rückwirkend die Stimmung bei Tisch verändere. Jetzt kommen die Worte ins Spiel, die Herzen öffnen können.

Meistens stelle ich dem Kind eine Person zur Seite – sichtbar oder unsichtbar – die ihm spürbar Stärke und Rückendeckung verleiht. Das kann eine Oma sein, eine Tante, eine Lehrerin oder auch eine Person aus ihrem jetzigen Leben. Das ist der erste Streich, der gibt dem Nervensystem schonmal Sicherheit. Und dann kommt die Kommunikation ins Spiel. Ich habe die drei Kinder von oben, Jeanine, Alexander und Martha mal erleben lassen, was sich ändert, wenn hier wertschätzend kommuniziert wird. Wir verwandeln einfach die von Grund auf falsche Situation, die die Eltern bisher gestaltet hatten, einfach in eine starke Situation um.

Jeanine fühlt jetzt Zugehörigkeit

Mit dieser Rückendeckung fühlt sich die kleine sechsjährige Jeanine stark und kann endlich sagen: “Die Stimmung ist zum Kotzen hier, ich kann gar nichts essen, weil es mir Sorgen macht, wie ihr miteinander umgeht.” Oder auch: “Ich spüre, dass die Mama Sorge hat und ich hatte bisher gar keine Worte dafür, dass ich mich schlecht fühle, weil sie sich so belastet fühlt – sich vielleicht sogar anstrengt für mich. Dann fühle ich mich auch noch schuldig.” Natürlich gebe ich nur Vorschläge, ich habe das jetzt nicht kindgerecht formuliert. Manchmal mache ich zwei oder drei Vorschläge, bis es vom Gefühl für die betreffende Person endlich passt. Wenn es passt – dann verändert sich sofort die Stimmung. Meistens berühren die Worte der Kinder das Herz der Eltern. Und die Herzen öffnen sich. Die Stimmung ist anders. Die Eltern merken, dass ihre Streits die Kinder belasten. Das war ihnen auch vorher schon klar – aber wenn sie es so direkt hören, sind sie endlich bereit, eine Paartherapie zu beginnen, um anders miteinander umzugehen. Denn sie möchten die Kinder ja nicht belasten – sie möchten, dass sie glücklich sind. Das Bild verändert sich dann – Jeanine ißt fröhlich gemeinsam mit Mutter, Vater und den Geschwistern und genießt vor allem das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Sie fühlt sich jetzt nicht mehr einsam. Das alles geschieht nur im Kopf von der Erwachsenen Jeanine, die bei mir einen Termin gebucht hat.

Alexander hat viel mehr Freunde und auch viel mehr Freude

Dem 8jährigen Alexander hilft die Oma, dass die Eltern sich für ihn interessieren. Wie war es in der Schule? Magst du deine Lehrer? Was fällt dir leicht? Was fällt dir schwer? Wer hat dich geärgert? Und wie war es sonst in der Schule? Echtes Interesse, Empathie und Mitgefühl für die Situation des Sohnes. Dann kann die Frage am Zeugnistag vielleicht auch lauten: “Ich bin stolz auf dich. Und was hast du dir zum Ziel gesetzt, wie soll das nächste Zeugnis aussehen?” Keine Vorwürfe, kein Druck, keine Strafen – sondern echtes Interesse. Auf diese Weise verwandelt sich der zurückgezogene Alexander in einen frechen, lebendigen Jungen, der von sich aus beginnt, von der Schule zu erzählen.  Er traut sich anzusprechen, wenn er geärgert wird, er bekommt ein Gefühl dafür, wenn er ungerecht behandelt wird und kann sich auch wehren. Zudem unterstütz der damit auch andere und baut viel mehr tragfähige Freundschaften auf. Er hat viel mehr Freunde – aber auch viel mehr Freude – und zwar jeden Tag.

Martha lebt ihre Weichheit und beschenkt andere damit

Die Oma macht den Eltern klar, dass ihre Tochter feinfühlig ist und es ihr Angst macht, wie mit ihr umgegangen ist. Sie macht ihnen klar, dass sie einen anderen Umgangston braucht und dass sie sonst ihre Weichheit verschließt. Die kleine Martha beobachtet zwar immer noch eher die Situation, aber auch sie traut sich zu sagen, wenn etwas nicht stimmt. Ihre Eltern haben ein Gefühl für ihre sensible Tochter entwickelt und ziehen sie nicht mehr auf, wenn sie weint – sondern wahren ihre Grenzen. Sie kann so voller Selbstbewusstsein zu ihrer Weichheit stehen und ist bekannt als ein Kind von besonderer Strahlkraft. Andere schätzen sehr ihre Liebe zur Wahrheit, die sich sich traut, auch immer öfter überall auszusprechen. Sie hat eine besondere Begabung für Worte entwickelt und schreibt schon ihre eigenen Märchen. Ihre Phantasie ist immer noch sehr lebendig – sie verbindet jetzt aber beide Welten und taucht nicht mehr in ihre Traumwelt ab. Auch sie fühlt sich zugehörig und hat reale Freundinnen – und nicht nur Traumprinzessinnen.

Was hat geholfen? Was ist mein Fazit?

Meine Erfahrung ist: Kinder brauchen nicht, dass man “mehr von etwas” macht, sondern es geht darum, dass Eltern ihre eigenen Themen lösen und somit die Kinder von einer Last befreien. Deshalb ist es so wichtig, dass Eltern immer wissen, ob sie gerade im Opferbwußtsein sind (und somit im Kampf-Fluchtmodus) oder ob sie voller Selbstbewusstsein für sich selber einstehen und die Verantwortung für Situationen übernehmen. Denn im zweiten Zustand können sie sich in ihre Kinder einfühlen, für sie einstehen und ihnen ein ebenso starkes Selbstbewusstsein ermöglichen. Im Opferbewusstsein entsteht meistens Druck, Zwang und auch häufig Manipulation. Zwischen den Eltern werden dann die Kinder instrumentalisiert, um das Opferbewusstsein zu festigen. Die Kinder springen dann ein und trösten die “arme Mama” oder den “armen Papa”. Das sind dann die Fälle, in denen Kinder nicht ihr eigenes Leben leben – sondern auch als Erwachsen immer noch auf der Mission sind, Mama oder Papa zu retten, zu trösten und daraus wird dann häufig die Mission, die Welt zu retten. Der Ursprung vom Helferkomplex – nebenbei gesagt. Deshalb hilft aus meiner Sicht, den Kindern zu helfen, dass die Eltern ihnen voller Selbstbewusstsein begegnen – damit auch sie voller Seltbewusstsein ihren eigenen Weg gehen können. Und das gelingt auch im Nachhinein. Denn Jeanine, Alexander und Martha führen ab jetzt ein anderes Leben. Sie sind nicht weiter Opfer der Programme, die das Opferbewusstsein ihrer Eltern in ihrem Nervensystem hinterlassen hat. Sie gehen in Selbstbewusstsein ihren Weg. Die Frage von dir, liebe Heike war ja: Was kann Sprache in der Erziehung bewirken? Ich würde sagen:

Wenn Eltern aus dem Opferbewusstsein sprechen, entsteht Leid, Druck, Traurigkeit. Wenn Eltern aus dem lebendigen Selbstbewusstsein sprechen, dann entsteht Zugehörigkeit, Lebensfreude, Erfolg. Worte öffnen verschlossene Herzen und können so Leben verändern. Das können Worte bewirken.

Ich habe noch an anderen Blogparaden teilgenommen. Schau mal hier

Die sind alle noch in Arbeit, werden aber noch verlinkt..

Du magst etwas erfahren zum Phänomen des Lebenden Zwillings?

Vom 12.-21.12.2022 hast du die Gelegenheit, für 0 € beim Onlinekongress dabei zu sein. Anmelden kannst du dich hier. Elke Brenner hat auch mich interviewt. Die Interviews sind jeweils um 18 Uhr frei geschaltet. Mein Interview kannst du am Dienstag, also am 13.12.22 ab 18 Uhr bis Mittwoch um kurz vor 18 Uhr hören.

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Kennst du diese Gefühle, die schon seit deiner Kindheit? So wie eine Hintergrundmusik?

  • Unerklärliche Trauer
  • Schuldgefühle, Verantwortungsübernehme – wenn es einen Schuldigen braucht, dann stellst du dich zur Verfügung
  • Wut – ausgeprägter Gerechtigkeitssinn
  • Du bist auf der Suche? Weisst aber nicht, was du suchst?
  • Verlassenheitsängste (auch wenn der Partner betroffen ist und es scheinbar mit dir nichts zu tun hat)?
  • Das Gefühl, ganz alleine zu sein – auch wenn du in Gemeinschaft bist.
  • Das Gefühl: Nichts wird ein gutes Ende nehmen. Du kannst keine Projekte (erfolgreich) abschließen, du beginnst vieles, beendest aber nichts.
  • Vieles, vieles mehr…

 

2 Kommentare

  1. Heike Brandl

    Liebe Shivani, schon der Titel berührt mich. Die Essenssituation ist sicherlich in vielen Familien ein Spiegel des Familienlebens und es ist bewegend, wie du sie im Nachhinein klären kannst. Es ist eine ganz besondere Perspektive, die du als Psychologin auf die Sprache mitbringst. Dafür danke ich dir. Heike

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