Oft begleite ich Frauen, die mir sagen, dass ihre Beziehung nicht so läuft wie sie es gerne hätten. Gerne würden sie einfach nur ihren Alltag mit ihrem Liebsten und ihren Kindern leben. Aber es klappt nicht. Und wenn ich näher nachfrage, dann finde ich: Einer der beiden hat ein Kindheitstrauma erlebt.

Frankreich, Pamiers, Auto mit Meteoriteinschlag, Kunst

Zum Glück ist das nur Kunst!

Wenn ein Kindheitstrauma dir im Weg steht…

Ja, diese Erfahrungen sind dann oft lange her. Manche Frauen erleben das selbst – wie übrigens ich auch. Bei anderen hingegen hat die Erfahrung die oder der Liebste gemacht. Wenn eine Frau dann bei mir auftaucht und mich um Unterstützung bittet, ist dieses Kindheitstrauma dann schon lange her und lange vergessen. Wer nicht Vorwissen hat im Bereich von Trauma oder dem Nervensystem, kommt auch nicht im Traum drauf, dass diese alte, schon längst vergangene Erfahrung einen Einfluß auf ihr jetziges Leben hat. Es ist ja auch ganz schön abgefahren, dass ein Kindheitstrauma heute noch bewirken kann, dass dein Leben nicht so gelingt wie du es gerne hättest. Diese Wissenslücke möchte ich gerne heute schließen.

Hast du ein Kindheitstrauma erlebt?

Wer bei mir landet, gibt mir nur in den seltensten Fällen den Auftrag, zu helfen, ein Kindheitstrauma aufzuarbeiten. Der Leidensdruck liegt oft darin, dass eine Beziehung nicht gelingt. Es kann auch sein, dass Ängste auftauchen – oder dass der Körper ein gewisses “Eigenleben” hat und einfach nicht richtig funktioniert. Das können Schmerzen sein, Verdauungsbeschwerden oder auch ungewollte Kinderlosigkeit. Du kannst hier alles einsetzen, bei dem dein Nervensystem nicht richtig funktioniert – es kann alles sein, das einfach nicht so richtig gelingen mag. Das “Wirkspektrum” ist also groß. Aber ich wollte ja mein Spotlight darauf richten, dass du herausfinden kannst, ob du selber betroffen bist. Und auch hier wird es ziemlich umfangreich. Denn auch das können so viele Erfahrungen sein – auf die auch einzelne Menschen wieder ganz unterschiedlich reagieren.

Was könnte ein traumatisches Ereignis sein?

Dazu machen wir mal einen Ausflug in den Garten. Dort gibt es einen Teich. Normalerweise ist dieser auch durch einen Zaun gesichert. Aber heute ist aus irgend einem Grund die Gartentür offen. Und aus irgend einem Grund konnte die zweijährige Julia ausbüchsen und geht geradewegs durch die Tür – natürlich zum Wasser. Ich mag jetzt nicht beschreiben, was da passieren kann – vielleicht ist das ein Trigger für dich. Auf jeden Fall kam gerade noch die Mutter oder der Vater und hat das Kind gerettet. Sie ist nicht ertrunken. Zum Glück ist nichts passiert. Aber der Schreck sitzt tief. Bei der Mutter und bei der kleinen Dame, die einfach nur ihre Welt entdeckt wollte – und  sich plötzlich in Lebensgefahr befand. Das beinahe Ertrinken ist jetzt nur ein Beispiel – und auch nur eine Situation wie dieses vor sich gegangen sein könnte. Alle anderen Situationen, in denen ein Kind in Lebensgefahr war – oder es beobachtete wie andere in Lebensgefahr sind, können auch traumatisierend sein. Im Grunde geht es darum, dass eine Situation passiert, die das Nervensystem so stark überfordert, dass es in den Schockmodus umschaltet. Das ist dann entweder eine Starre – oder das Innerste geht in Dissoziation, in Abspaltung.

Was heisst es konkret für den Alltag, wenn das Nervensystem im Schockmodus ist?

Landläufig werden die Frauen und Männer, die diesen extremen Streß in der Kindheit erlebt haben, heute oft als “hochsensibel” bezeichnet. Aber das ist auch nur eine weitere Erklärung. Was bedeutet es für den Alltag, wenn ein Nervensystem im Schockmodus ist? Als erstes bedeutet es, dass dieses Nervensystem einen Teil seiner Kapazität einfach “abgeschaltet” hat. So beschreibe ich diese beiden “Fähigkeiten” (wie ich es gerne nenne) vereinfacht. Ein Teil der Lebensenergie steht einfach nicht mehr zur Verfügung. Zum anderen ist das Nervensystem jetzt im Alarmzustand. Es ist nicht mehr darauf gerichtet, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen. Nein, der Fokus liegt voll im Außen, das Ziel ist jetzt, jeden noch so kleinen Hinweis, dass diese Gefahr wieder auftauchen könnte, wahrzunehmen. Die Wahrnehmung, das Nervensystem ist “hochsensibel”, vor allem zuerst darauf spezialisiert, Gefahrenreize so schnell wie möglich wahrzunehmen. Es ist außerdem in einem Modus, in dem Empathie ausgeschaltet ist. Das Nervensystem verhält sich egozentrisch – ich selbst bin in der Gefahrensituation das einzige, das wichtig ist. Das ist auch sinnvoll. Aber es ist nicht geeignet, sich in einer sozialen Gemeinschaft so zu verhalten, dass das Zusammenleben gelingt. Gemeinschaft macht keinen Spaß, es ist anstrengend. Darauf gehe ich später nochmal ein. Erstmal schauen wir uns an, wie das denn konkret für die kleine Julia aussehen könnte.

Wie könnte die Geschichte der kleinen Julia weiter gegangen sein?

blühende Rose im Winter

Wenn Rosen im Winter blühen können, kannst du das auch!

Zum Glück ist ja nichts passiert. Aber vielleicht war sie danach ein wenig anhänglicher, hat abends schlechter geschlafen, ist während der Nacht öfters aufgewacht, zeigte vielleicht ein paar Rückschritte in der Sprachentwicklung, war nachts nicht mehr trocken, hat nicht mehr so gerne gegessen und so weiter. Es gibt noch viel mehr Möglichkeiten, wie sich dieser riesige Streß, den sie erlebt hat, auf ihren Alltag auswirkte. Später ging sie nicht so gerne in den Kindergarten – oder konnte gar nicht dorthin gehen – vielleicht wurde sie dazu gezwungen oder sie hat irgendwann resigniert und ist dort geblieben, hat sich aber nie wohl gefühlt. Vielleicht wurde sie dort gezwungen, beim Mittagsschlaf ganz ruhig zu liegen – so wie die anderen Kinder – aber es gelang ihr nicht. Dadurch entwickelte sie tiefe Selbstzweifel, die anderen können das ja auch – ich sollte das auch können oder warum kann ich nicht, was die anderen können? Es könnte auch sein, die ist insgesamt viel raubautziger geworden – oder extrem schüchtern. Vielleicht konnte sie in Stresssituationen sogar gar nichts mehr sagen – und wurde dafür auch noch ausgelacht? Wir wissen es nicht. Was ich hier beschreibe sind nur einige der möglichen Folgen. Wenn du dich einlesen möchtest, empfehle ich dir sehr das Buch von Verena König zu lesen: “Bin ich traumatisiert?” (*)

Rückzug kann ein Lebenselixier sein für Menschen mit Kindheitstrauma

Ich konstruiere jetzt, welche Folgen dieses Ertrinken auch noch in der Zukunft gehabt haben könnte, hätte es stattgefunden. Und es geht auch noch weiter. Später könnte es noch Schulschwierigkeiten gegeben haben. Das Empfinden, sich nicht zugehörig zu fühlen, die traurige Erfahrung, sie kann einfach keine Freundschaften schließen. Oder sie hat immer das Gefühl “ich gehöre einfach nicht dazu”. Auch später in der Familie ist das so. Wenn ihr Mann mit den Kindern etwas unternimmt, fühlt sie sich schnell ausgeschlossen. Sie zweifelt an sich, zieht sich zurück, baut sich ihre eigene Welt auf, die für sie in Ordnung ist. Wenn ihr Mann mit den Kindern etwas unternimmt, dann zieht sie sich lieber zurück und arbeitet oder geht einem Hobby nach. Dass sie das braucht, um sich von dem ganzen Streß zu erholen, den sie erlebt, merkt sie gar nicht – es ist ja so normal. Dass ihr Mann sich dadurch von ihr im Stich gelassen fühlt, darauf wäre sie nie im Traum gekommen. Für sie ist alles in Ordnung. Ihr geht es richtig gut, wenn sie für sich alleine ist – da hat sie keinen weiteren Streß, der ihr Nervensystem in Aufregung bringt. Und sie kann selber steuern, dass es ihr wieder gut geht. Für sie ist dieser Rückzug ihr Lebenselixier.

Wenn die Vergangenheit ins Jetzt reinpfuscht…

Julia hat gelernt, sich durch Rückzug zu regulieren. Sie ist erwachsen geworden und hat keine Ahnung, dass es gar nicht ihre Eigenart ist, sich so zurück zu ziehen – es ist einfach die Reaktion auf ein längst vergangenes Ereignis. Und bevor ich darauf eingehe, wie bei Julia und ihrem Mann die Paar-Dynamik weitergeht, beschreibe ich erstmal wieder was im Nervensystem passiert. Verena König schreibt in ihrem Buch “Bin ich traumatisiert?” wie es sein kann, dass eine längst vergangene Erfahrung unser Jetzt beeinflusst oder überlagert. “Wenn wir als Erwachsene mit dissoziierten Erinnerungen und inneren Anteilen durchs Leben gehen, bleibt die Vergangenheit, die längst vorbei ist, in unserem Inneren lebendig.”

Wenn ich mit Klientinnen spreche, erkenne ich diese Situationen ziemlich treffsicher. Die Betroffenen kennen sich jedoch nicht mit dem Nervensystem aus und rennen oft ein Leben lang mit Einschränkungen herum, zweifeln an sich, leben eine gescheiterte Beziehung nach der anderen, beginnen Coaching, machen Persönlichkeitsentwicklung. Nichts wirkt, nichts klappt  – und woran soll es liegen? Klar – ich schaffe es einfach nicht, bin ich halt eine Versagerin, bin ich halt ein Versager. Das ist die Erfahrung der Betroffenen, das sind die inneren Stimmen. Diese bilden zwar die Erfahrung ab – aber nicht die Wahrheit. Denn die Wahrheit ist, dass hier die Vergangenheit ins Jetzt reinpfuscht. Die Wahrheit ist, dass dies behandelbar ist. Die Wahrheit ist, dass hier etwas gelöst werden kann.

Woran kannst du erkennen, ob die Vergangenheit in deine Beziehung pfuscht?

Ein dysreguliertes Nervensystem, ein Nervensystem, das Stress erlebt, hat nur zwei Reaktionsmöglichkeiten. Entweder geht dieser Mensch in die Flucht-Reaktion oder in die Angriffs-, in die Kampf-Reaktion. Und diese beiden Reaktionen passen wunderbar zusammen. Stell dir vor, der eine flüchtet eher, das stachelt den anderen dann an und dieser beginnt zu kämpfen. Das ist ganz klassisch. Es funktioniert auch in die andere Richtung. Der eine beginnt zu kämpfen und der andere flüchtet dann. Lass es einen Vorwurf sein. Daran entbrennt sich dann ein Streit – beide kämpfen oder einer flieht. Das sind die Möglichkeiten, wie sich die Dynamik in der Beziehung entwickelt. Zwei Flüchter geraten selten aneinander – denn hier fehlt der Klebstoff, hier findet ja kaum Begegnung statt. Aber vielleicht gibt es das ja auch? Mir ist es noch nie begegnet.

Die erste Möglichkeit, wie die Vergangenheit in deine Beziehung pfuscht ist also über die Beziehungs-Dynamik. Aber dafür brauchen wir noch keine Traumatisiertung – diese Dynamik gibt es bei allen Paaren – einfach weil diese Fähigkeiten jedes Nervensystem hat. Wenn eine Traumatisierung besteht, dann rutscht einer von beiden eben leichter in diesen Modus hinein. Das zweiter Kennzeichen sind Wutausbrüche. Und ich meine nicht diesen, die wieder verfliegen oder die du unterdrücken könntest. Nein, ich spreche von dieser Wut, die du gar nicht oder nur kaum unterdrücken kannst. Noch ein Kennzeichen kann sein, dass du dich nach einer Anstrengung sehr schnell erschöpft oder sogar überfordert fühlst. Und nach dieser Erschöpfung eher Zeit für dich alleine brauchst, um wieder in deiner Kraft zu sein. Oder hast du sogar Panikattacken? Manchmal werden die auch fehldiagnostiziert als Herzbeschwerden. Auch diese können ein Anzeichen sein, dass sich da ein Ereignis aus vergangener Zeit bemerkbar macht. Ebenso wie Verdauungsbeschwerden, ein Reizdarmsyndrom oder auch Nahrungsmittelintoleranzen können ein ganz starker Hinweis darauf sein, dass in deiner Vergangenheit etwas unerledigt ist.

Wie könnte es mit Julia weitergehen?

Wenn Julia eine Traumatherapeutin findet, die ihr hilft, den Schock aufzuarbeiten, der in der Vergangenheit passierte. Sie könnte dann erkennen, dass dieses Ereignis war, das zwischen ihr, ihrem Mann und den Kindern stand. Sie würde erkennen, dass ihr Leben jetzt bedeutend leichter wäre. Ihr Nervensystem wäre viel öfter in einem regulierten Zustand. Sie könnte mit ihrem Liebsten gemeinsam herausfinden wie sie als Paar gegenseitig helfen. Sie könnten sie gegenseitig beruhigen – anstatt sich ständig gegenseitig dafür verantwortlich zu machen, dass alles schief läuft. Und anstatt sich immer weiter und noch tiefer zu verletzen, könnten könnten sie sich verbunden fühlen und sich wieder annähern. Sie könnten sich als wirkliches Team erleben. Sie wären wieder auf Augenhöhe und könnten gemeinsam mit den Kindern wachsen. Sie könnten genießen, gemeinsam oder alleine mit den Kindern Verbundenheit zu spüren und die Lebensfreude gemeinsam zu genießen.

Für mich ist es selbst als Expertin oft ganz einfach, und manchmal braucht es auch ein wenig Zeit, die Ereignisse herauszufinden. Wenn du das liest, wirst du dich vielleicht fragen, ob es auch bei dir so ein Ereignis gegeben hat? Vielleicht bist du dir sogar sicher? Und wenn du nicht sicher bist, dann komm doch in meine kostenlose Gruppe bei Facebook kommen. Dort kannst du auch anonym deine Fragen stellen. Oder du buchst dir gleich ein Kennenlerngespräch mit mir – dann gebe ich dir meine Einschätzung für deine jetzige Situation und was ich denke, was für dich möglich ist.

Mehr über mich

Noch mehr Informationen über mich und meine Arbeit findest du auf meiner Über mich Seite und in meiner Gruppe zum Vagusnerv bei Facebook kannst du mir (auch anonym) Fragen stellen.

Ich freue mich auf dein Feedback hier, da kannst du mir auch schreiben, wenn ich deine Frage im Podcast beantworten soll. So kann ich noch mehr Frauen unterstützen, selbstbewusster zu werden. Das finde ich spitze!

Herzlicher Gruß
Shivani

Magst du die Folge lieber im Podcast hören?

#63 – Wenn ein Kindheitstrauma deiner Beziehung im Weg steht…

Hast du diese Folgen schon gehört?

#53 – Ich stelle mich der Angst – warum ist sie immer noch da?

#49 – Hilfe, wie gehe ich mit einem Geheimnis um?

#48 – Wie kann ich Blasenentzündungen vorbeugen?

#47 – Hilfe, wie werde ich erwachsen?

 

Bücher, die ich empfehle:

Verena König Bin ich traumatisiert

Verkörperter Schrecken Bessel van der Kolk

 

(*) Affiliatelink – das bedeutet, wenn du über diesen Link etwas kaufst, bekomme ich eine kleine Provision, für dich ändert sich am Preis nichts.

Bilder: Shivani Vogt

 

 

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